Neue Bibliothek – JETZT die Chance nutzen
Die Diskussion um die Neue Bibliothek St.Gallen zeigt vor allem eines: Das Projekt ist wichtig, relevant – und es bewegt. Dass Kanton und Stadt die Bau- und Betriebskosten deutlich reduziert haben, ist ein Zeichen. Der Auftrag wurde ernst genommen, das Projekt geschärft und auf eine gute Basis gestellt.
Gerade deshalb wäre es schade, diese Ausgangslage nun für mehrere Jahre auf Eis zu legen. Die zentralen Fragen sind geklärt: Standort, Nutzung, Kostenrahmen und gesetzlicher Auftrag. Vieles spricht dafür, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und den gewonnenen Konsens zu nutzen. Die Neue Bibliothek ist mehr als ein Gebäude. Am Standort Union/Marktplatz bietet sich die Chance, einen zentralen Ort der Stadt städtebaulich aufzuwerten und einen offenen Treffpunkt für Bildung, Austausch und Kultur zu schaffen. Ein solches Projekt setzt ein positives Signal – nicht nur für die Stadt St.Gallen, sondern für den ganzen Kanton. Offene Bibliotheken sind heute wichtiger denn je. Sie bieten Orientierung in einer Zeit der Informationsflut, sie fördern Bildung und sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für eine Hochschul- und Studentenstadt ist eine zeitgemässe Bibliothek ein selbstverständlicher Teil der öffentlichen Infrastruktur – für den gesamten Kanton.
Auch aus finanzieller Sicht lohnt es sich, nach vorne zu schauen. Projektunterbrüche sparen kein Geld. Planungsteams müssen später wieder aufgebaut werden, Überarbeitungen kosten Zeit und Ressourcen. Wer jetzt dranbleibt, investiert in Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Natürlich braucht es politische Mehrheiten. Diese entstehen jedoch nicht durch Abwarten, sondern durch Dialog, Überzeugungsarbeit und den gemeinsamen Willen, Verantwortung zu übernehmen.
Was soll in drei Jahren anders sein als heute? Die Kostenstruktur ist bekannt, weitere substanzielle Reduktionen sind kaum möglich, ohne das Projekt grundlegend zu schwächen oder das Bibliotheksgesetz zu hinterfragen. Geopolitische Unsicherheiten, Spardruck und politische Polarisierung werden auch in Zukunft bestehen. Der «richtige Zeitpunkt» entsteht nicht von selbst – er braucht politische Entscheidungen.
Die Verschiebung erfolgt ausdrücklich nicht mit dem Ziel, Kosten einzusparen. Vielmehr soll abgewartet werden, bis sich die «politische Kluft» zwischen Stadt und Kanton verringert und die derzeitigen Sparübungen des Kantonsrats an Intensität verlieren. Ob und wann diese Entspannung eintritt, liegt jedoch nicht im luftleeren Raum: Die Politik steht hier in der Verantwortung. Sie ist gefordert, aktiv auf eine Annäherung hinzuwirken. Andernfalls müssen sich die Beteiligten die Frage gefallen lassen, ob sie ihre Rolle in diesem Prozess ausreichend wahrnehmen.
Die Neue Bibliothek St.Gallen ist eine Chance – für Bildung, für die Stadtentwicklung und für ein starkes Signal in den ganzen Kanton. Es wäre wünschenswert, diese Chance gemeinsam zu nutzen und den Blick mutig nach vorne zu richten.